Am 28. April fuhren wir, die zwei Leistungskurse Geschichte des 12. Jahrganges, gemeinsam mit unseren Lehrkräften Frau Lindmüller und Frau Watutin zur Villa Seligmann in Hannover – einem der bedeutendsten Zeugnisse jüdisch-bürgerlicher Kultur in Niedersachsen. Von 9 bis 13 Uhr tauchten wir in eine Geschichte ein, die uns noch lange beschäftigen sollte. Geschichte nicht nur zu lesen, sondern sie an einem echten Ort zu erleben – das war eine ganz andere Erfahrung.

Den Auftakt machte ein Vortrag des Historikers Peter Schulze, der uns ausführlich in die Geschichte der Familie Seligmann einführte. Im Mittelpunkt stand Siegmund Seligmann (1853–1925): Als jüdischer Direktor der Continental AG prägte er das Unternehmen maßgeblich und führte es zu internationalem Ansehen. Durch seinen wirtschaftlichen Erfolg erlangte er erheblichen politischen Einfluss, unterstützte den Kaiser und das Kaiserreich und wurde 1923 zum Ehrenbürger der Stadt Hannover ernannt. Die Villa in der Hohenzollernstraße 39 ließ er zwischen 1903 und 1906 erbauen – das einzige Haus in dieser Straße mit einem großen Garten, gelegen auf der Sonnenseite Hannovers.

Besonders bewegt hat uns die Geschichte von Edgar Seligmann, dem Sohn der Familie. Er konvertierte mit 19 Jahren vom Judentum – und wurde dennoch Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Bei den Novemberpogromen 1938 wurde er in das KZ Buchenwald verschleppt. Nach seiner Entlassung flüchtete er zu seiner Mutter Johanna in die Schweiz. Auch die Tatsache, dass Johanna Seligmann die Villa – einst für rund 1,5 Millionen Goldmark erbaut – 1931 an die Stadt Hannover für deutlicher weniger Geld übergab, hat uns sehr beschäftigt. 1938 mietete die Wehrmacht schließlich das Gebäude an.

Nach dem Kriegsende diente die Villa zunächst als Sitz des Landesernährungsamtes, bevor sie ab 1962 kulturellen Zwecken – zunächst als Außenstelle der Musikhochschule, später als Gebäude der städtischen Musikschule – gewidmet wurde.  2006 erwarb die Siegmund Seligmann Stiftung das Gebäude  und eröffnete es nach Umbauarbeiten 2012 als Haus für jüdische Musik, Konzerte und Ausstellungen – bis heute ein lebendiger Erinnerungsort in Hannover.

Nach dem Vortrag führte uns das Team der Villa durch ausgewählte Räume des Hauses. Das neobarocke Gebäude mit seiner zum Teil noch erhaltenen historischen Innenausstattung hat uns wirklich beeindruckt. Besonders in Erinnerung geblieben sind uns eine im Wandschrank versteckte Toilette, ein mannshoher Tresor im Speisezimmer und ein wunderschöner Wintergarten. Die seltene historische Orgel hat uns genauso überrascht wie die verspiegelten Schiebefenster im Damensalon oder die reich verzierte Decke im Herrensalon. Interessant fanden wir zudem, dass die Familie Seligmann ihren jüdischen Glauben gar nicht streng praktizierte – und trotzdem unter den Nationalsozialisten verfolgt wurde.

Der Vormittag hat uns gezeigt, wie eng Unternehmensgeschichte, Stadtgeschichte und die Geschichte des jüdischen Lebens in Hannover miteinander verwoben sind. Die Villa Seligmann macht das auf eine Weise spürbar, die kein Schulbuch ersetzen kann – weil hinter den Fakten echte Menschen und ihre Schicksale stehen.

„Es war interessant zu wissen, dass dort wirklich Leute gelebt haben – die Räume haben die Geschichte auf eine ganz andere Weise greifbar gemacht.“

Dieser Vormittag war erst der Anfang: Am 22. Mai kommt der Historiker Peter Schulze zu uns in die Schule und hält einen Vortrag über die Geschichte der Juden in Niedersachsen. Wir freuen uns auf die Fortsetzung.

Ein herzliches Dankeschön an Frau Lindmüller und Frau Watutin für die tolle Organisation und Begleitung sowie an Peter Schulze für seinen fesselnden Vortrag. Unser Dank gilt außerdem dem Team der Villa Seligmann für die herzliche Aufnahme und die eindrucksvolle Führung.